Oktober 2022 · Wandern · Reisen & Wandern
Es gibt Reisen, die man plant. Und es gibt Reisen, die einen einfach mitnehmen. Der GR 221 auf Mallorca war beides — ein Fernwanderweg quer durch die Serra de Tramuntana, Mallorcas zerklüftetes Gebirge im Nordwesten der Insel, das seit 2011 zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört. Mein Wanderfreund Rudi und ich hatten uns vorgenommen, die rund 167 Kilometer lange Route von Port d’Andratx im Südwesten bis nach Port de Pollença im Nordosten zu bewältigen. Am Ende wurden es 80 Kilometer — und die haben mehr als gereicht.

Ankunft, Klebeband und der erste Bus
Am Flughafen Palma de Mallorca, Oktober 2022: Die Temperaturen lagen deutlich über dem, was wir zuhause zurückgelassen hatten. Während ich meinen Rucksack vom Gepäckband zog, stellte ich fest, dass der Transportbeutel für den Flug ganze Arbeit geleistet hatte — ein kleines Loch hatte sich durch den Rucksack gescheuert. Kein Drama: Tape drüber, Rucksack auf den Rücken, und weiter. Dann erstmal den richtigen Bus finden, der uns zu unserem Startpunkt bringen sollte.
Los geht’s — am Nachmittag in Port d’Andratx
Da wir erst nachmittags am Startpunkt ankamen, war von Beginn an klar: der erste Tag wird kurz. Von Port d’Andratx aus ging es gleich mit den ersten Höhenmetern los — die Serra de Tramuntana macht keine halben Sachen. Danach wurde das Gelände etwas flacher, und wir suchten uns einen Platz für die Nacht. Das Zelt aufgestellt, gekocht, geschlafen. Erster Tag erledigt.
Zum Zelten muss ich ehrlich sein: auf Mallorca ist wildes Campen eigentlich nicht erlaubt. Der GR 221 bewegt sich hier in einer Grauzone — wir haben es trotzdem gemacht, und ich möchte das an dieser Stelle ausdrücklich so benennen. Wer die Route geht, sollte das wissen.
Die Serra de Tramuntana — Mallorca, wie man es nicht erwartet
Ab dem zweiten Tag wurde es ernst. Immer mehr Höhenmeter, immer eindrucksvollere Ausblicke. Was mich am meisten überrascht hat: wie anders Mallorca im Inneren ist. Weg von den Stränden und Touristenhochburgen öffnet sich eine Landschaft, die man auf dieser Insel nicht vermutet — wilde Bergflanken, Olivenhaine, Trockensteinmauern, die die Hänge wie ein altes Muster überziehen.
Immer wieder tauchten am Wegesrand die typischen Steinmännchen auf — hier die einzigen Wegmarkierungen des GR 221. In einem Gebirge, das bis auf 1.445 Meter ansteigt (Puig Major, der höchste Gipfel Mallorcas, liegt direkt an der Route), sind diese kleinen Steintürme manchmal die einzige Orientierung.
Und dann natürlich: das Meer. Fast überall auf der Strecke ist das Mittelmeer irgendwo am Horizont. Im Norden der Insel wird die Landschaft noch rauer, fremder fast — als wäre man auf einem anderen Kontinent gelandet.

Ein Jäger, Privatgrundstücke und freundliche Begegnungen
Nicht alle Begegnungen auf dem GR 221 sind unbeschwert. Eines Tages kreuzten wir den Weg eines Jägers — an der Waffe auf dem Rücken eindeutig zu erkennen. Er beschwerte sich, weil wir durch sein Grundstück gelaufen waren. Was viele nicht wissen: Der GR 221 verläuft stellenweise durch Privatland, und nicht alle Grundeigentümer begrüßen die Wanderer, die täglich durch ihre Felder und Weiden ziehen. Offiziell ist der Weg trotzdem ausgewiesen und legal begehbar.
Abseits davon: die Menschen waren fast durchweg herzlich. Dorfcafés, in denen wir einkehrten, Paella, starker Kaffee, kurze Gespräche. Und einmal, auf einer Weide, eine Leiter — von der ich prompt gefallen bin. Ohne größere Folgen, aber mit dem nötigen Schuss Demut, der auf langen Wanderungen manchmal hilfreich ist.
Kloster Lluc — ein Moment der Stille
Eines der eindrücklichsten Ziele auf der Route ist das Santuari de Lluc, ein Kloster mitten im Gebirge, das seit dem 13. Jahrhundert Pilger und Wanderer anzieht. Für uns war es ein willkommener Stopp — ruhig, alt, ein bisschen aus der Zeit gefallen. Genau das Richtige nach Tagen in den Bergen.
Wasser, Regen und ein fast leerer Stausee
Einmal erwischte uns ein heftiger Regenschauer mit starkem Wind — kurz, aber intensiv. Ansonsten: perfektes Wanderwetter. Was uns auffiel, war der Stausee auf der Strecke, der zu einem erheblichen Teil leer war. Er dient als Trinkwasserreservoir für die Region — und 2022 war es auf Mallorca ungewöhnlich trocken. Ein stilles Zeichen, das man nicht ignorieren konnte.
Das Ende — und die letzte Etappe, die wir nicht gegangen sind
Die letzte Etappe des GR 221 haben wir bewusst ausgelassen. Der Körper hatte genug, und die Strecke führte sowieso hauptsächlich an einer Straße entlang — kein Verlust. Die letzten beiden Nächte verbrachten wir eine in Port de Pollença, eine in Palma. Kein Zelt, ein richtiges Bett, ein letztes Abendessen.
Fazit
144 von 150 Kilometern. Kein vollständiger Durchstieg — aber eine der intensivsten Wanderungen, die ich gemacht habe. Mallorca hat mich überrascht: nicht die Insel der Strände und Ballermänner, sondern eine Insel mit echtem Gebirge, stiller Landschaft und einer Langsamkeit, die man sich erst erwandern muss.