Fischerweg Algarve — Von Lagos bis Aljezur

September 2024 · Wandern · Reisen & Wandern · Europa


Manche Reisen beginnen mit einer Panne. Unsere begann mit einer hochgeklappten Brücke.

Faro, Flug gelandet, Rucksack da. Dann Zug nach Lagos — dem Startpunkt unserer Wanderung entlang des Fischerwegs, dem Trilho dos Pescadores. Der Fischerweg ist der spektakulärste Abschnitt der Rota Vicentina, einem der schönsten Küstenwanderwege Europas. Rund 226 Kilometer führt er von Porto Covo im Norden bis nach Lagos im Süden — wir wollten einen guten Teil davon in umgekehrter Richtung gehen, von Süd nach Nord.


Tag 1 — Lagos, eine hochgeklappte Brücke und der erste Abend am Atlantik

Lagos ist eine der schönsten Kleinstädte der Algarve. Enge Gassen, Kachelfassaden, der Hafen. Wir schlenderten vom Bahnhof durch die Stadt Richtung Startpunkt — und standen plötzlich vor einer hochgeklappten Fußgängerbrücke. Defekt, dachten wir, und begannen einen 800-Meter-Umweg. Bis wir zurückblickten und sahen, wie sie wieder heruntergelassen wurde. Die Brücke klappt bei Booten hoch. Logisch. Hätten wir wissen können.

Irgendwo in den Gassen kauften wir noch schnell Obst und Wasser, dann erreichten wir den Strand — und ab hier begann die Tour. Sofort steil hoch auf die Klippen. Oben: der Atlantik, so weit das Auge reicht, und in der Ferne die charakteristische Silhouette der Algarve-Küste. Die Steilküsten hier bestehen aus orangefarbenem Kalkstein, der vom Wasser über Jahrtausende zu Höhlen, Bögen und Türmen geformt wurde. Fotografisch ein Traum — nur hatten wir an diesem ersten Tag kaum noch Licht.

Da es bereits dämmerte, wurde unser erster Tag kurz. Zelt aufgebaut, Abendessen gekocht, geschlafen. Ein Hinweis dazu: Wildcampen ist in Portugal nicht erlaubt. Wir tun es trotzdem — aber wir hinterlassen jeden Platz sauberer, als wir ihn vorgefunden haben. Den Müll anderer inklusive.

Was uns von Anfang an auffiel: der Dreck in der Nähe von Touristenzentren. Taschentücher, Snack-Verpackungen, Feuchttücher. Direkt neben einem der schönsten Küstenwege Europas. Es ist wirklich schwer zu verstehen.


Tag 2 — Klippenpfade, ein Ingwertee in Luz und Geckos vor Salema

Früh raus, Richtung Salema. Der Weg führte oben auf den Klippen entlang — ein schmaler Pfad, links der Atlantik, rechts Macchia und gelegentlich ein Blick auf kleine Fischerboote weit unten.

Unser erster Stopp: Luz, ein kleiner Küstenort. Café, Strand, Ingwertee. Wir saßen direkt am Wasser und ließen den Moment wirken. Dann weiter — vorbei an einer kleinen Kirche, in der um 10 Uhr donnerstags ein Gottesdienst stattfand. Kurz angehalten, Foto gemacht, weitergegangen.

In Burgau machten wir mittags Pause in einem kleinen, versteckten Lokal. Der Ort selbst ist eine Art Labyrinth — enge Gassen, Treppen, Wegmarkierungen, die man suchen muss. Aber sobald man wieder oben auf den Klippen ist, ist das Meer die einzige nötige Orientierung.

Kurz vor Salema dann eine kleine Begegnung: an einer alten Wandertafel saßen mehrere Geckos in der Nachmittagssonne. Die Mauereidechse, Tarentola mauritanica, ist in Portugal allgegenwärtig — schnell, aber wenn man ruhig bleibt, durchaus fotografierbar.

In Salema übernachteten wir auf dem Öko-Campingplatz Ficar — eine gute Entscheidung, auch wenn wir uns direkt ein Frühstück für den nächsten Morgen kauften. Was uns am nächsten Tag noch einholen sollte.


Tag 3 — Steilküsten, ein Bier in der Strandbar und Sagres am Abend

Das ausgiebige Frühstück auf dem Campingplatz hatte seinen Preis: wir starteten später als geplant. Aber die Küstenlinie an diesem Tag war so eindrucksvoll, dass man das schnell vergisst. Die Klippen werden höher, die Buchten tiefer, der Atlantik bleibt konstant dramatisch.

Unterwegs Halt an einer Strandbar: ein Bier, die Sonne, das Rauschen. Solche Momente sind der eigentliche Rhythmus einer langen Wanderung.

Am Abend: Sagres. Die Stadt liegt auf einer Halbinsel am südwestlichsten Zipfel Europas — hier gründete Prinz Heinrich der Seefahrer im 15. Jahrhundert seine berühmte Navigationsschule, von der aus Europas Entdeckungszeitalter seinen Ausgang nahm. Heute ist das Cabo de São Vicente, wenige Kilometer westlich, einer der bekanntesten Aussichtspunkte Portugals: 75 Meter hohe Klippen, nichts dahinter außer dem Atlantik — und Amerika irgendwo in weiter Ferne.

Wir hatten Glück mit der Unterkunft: ein geräumiges Zimmer, fast eine kleine Wohnung.


Tag 4 — Die westlichste Bratwurst vor Amerika und ein anspruchsvolles Stück Weg

Das Cabo de São Vicente bei Sagres ist offiziell der südwestlichste Punkt des europäischen Festlands. Für Wanderer auf dem Fischerweg ist es ein ikonischer Moment — und direkt daneben hat sich ein Imbissstand etabliert, der sich selbst als Standort der „westlichsten Bratwurst vor Amerika“ vermarktet. Humorvoll. Für mich: ein kühles Getränk, dafür mit Aussicht auf den Atlantik. Ich bin Vegetarier.

Danach wurde der Weg rauer. Geröll, sandige Pfade, unwegsames Gelände — diese Etappe Richtung Vila do Bispo hatten wir unterschätzt. Wir kamen müde und hungrig an. Das kleine Restaurant, das wir fanden, war bei unserer Ankunft leer — eine halbe Stunde später war jeder Tisch besetzt. Offenbar hatten mehr Wanderer denselben Gedanken.

Die Nacht verbrachten wir im Zelt, in einer kleinen Waldschneise etwa zwei Kilometer außerhalb des Ortes. Nach den Strapazen des Tages schlief man gut.


Tag 5 — Nebel, Sonnenaufgang und das beste Foto der Reise

Dieser Morgen war anders.

Nebel hing über der Landschaft, als wir aufbrachen. Der Sonnenaufgang schob sich langsam durch die feuchte Luft, tauchte die Vegetation in ein weiches, fast unwirkliches Licht. Im Hintergrund das leise Rauschen des Meeres — wir waren inzwischen etwas ins Landesinnere gerückt, aber das Meer war trotzdem nie weit.

Auf diesem Abschnitt entstand eines meiner schönsten Fotos dieser Reise: blaues Meer im Hintergrund, die raue, stille Natur im Vordergrund, weicher Morgendunst dazwischen. Die Kamera, die ich seit Lagos durch Sonne, Klippen und Regen geschleppt hatte, hatte sich in diesem Moment mehr als bezahlt gemacht.

Am Ende des Tages: Carrapateira, ein kleiner Ort in der Nähe des berühmten Bordeira-Strands — einem der schönsten Surfstrände Portugals, gesäumt von Dünen und einem weitläufigen Ästuar. Wir bezogen ein Zimmer in einem gemütlichen Hostel, wurden von einem entspannten Mitarbeiter begrüßt, der die Atmosphäre des Ortes perfekt verkörperte. Es gibt Orte, an denen die Zeit einfach langsamer läuft. Carrapateira ist so ein Ort.


Tag 6 — Strandrestaurant und Naturschutzgebiet

Der Weg von Carrapateira nach Norden bot noch einmal das volle Programm: dramatische Küste, weite Ausblicke, das Meer immer in Reichweite. Wir machten Halt an einem Strandrestaurant — gegessen, dem Meer zugeschaut, Kraft gesammelt.

Der Küstenabschnitt hier liegt innerhalb des Parque Natural do Sudoeste Alentejano e Costa Vicentina, eines der wenigen noch weitgehend unberührten Küstengebiete Westeuropas. Keine Betonbauten, keine Ferienanlagen — nur Klippen, Dünen, Macchia und Atlantik. Der Park schützt auf rund 110.000 Hektar eine der artenreichsten Küstenlandschaften des Kontinents.


Tag 7 — Kilometerlanger Strand und Aljezur

Die letzte Etappe begann ruhiger als die vorigen. Der Weg führte zunächst an einem kilometerlangen Sandstrand entlang — die Weite des Strandes, die Brandung, der Wind. Ein stiller Kontrast zu den steilen Klippen der vergangenen Tage. Am Ende des Strandes bog der Weg wieder ins Landesinnere. Das Meeresrauschen wurde leiser.

Gegen Mittag: ein kleines, abgelegenes Restaurant irgendwo zwischen Strand und Aljezur. Mittagessen, kühle Getränke, eine lange Pause. Dann die letzten Kilometer.

Aljezur empfing uns am Abend — eine kleine Moorenstadt auf einem Hügel, gegründet im 10. Jahrhundert, mit einer Burgruine oben und ruhigen Gassen unten. Hier endete unsere Tour.


Fazit — und eine offene Rechnung

Der Fischerweg ist einer der eindrucksvollsten Wanderwege, die ich kenne. Nicht wegen der Infrastruktur — die ist überschaubar — sondern wegen der Landschaft. Klippen, Licht, Atlantik. Stille, die nur durch Wind und Wellen unterbrochen wird.

Wir haben den Weg nicht vollständig gegangen. Was nördlich von Aljezur liegt — der Alentejo-Küstenabschnitt bis Porto Covo — steht noch aus. Die Vorfreude darauf ist seit Tag eins gewachsen.

Rudi, wir haben noch was zu erledigen.

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